Page 6 - Stadtwerke Stade - Stader Brise - März / April / Mai 2025
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MATTHIAS JUNG

        Kinder sind was Schönes,
        haben sie gesagt – bis
        man morgens einem Zwei-
        jährigen beim Anziehen
        zuschaut und sich fragt, ob
        man jemals wieder pünkt-
        lich  irgendwo  ankommt.
        Zwischen „Ich kann das al-
        leine!“, „Das ist unfair!“ und
        der Kunst, ein Brot falsch
        durchzuschneiden, bleibt
        Eltern eigentlich nur eins:
        Humor. Doch wie setzt
        man Grenzen, ohne dabei
        Kandidat für die Therapie
        zu werden? Deutschlands
        bekanntester Familienco-
        ach und SPIEGEL-Best-
        sellerautor Matthias Jung
        hat nicht nur Antworten
        auf die Frage von Stader
        Brise Redakteurin Julia
        Balzer, sondern auch jede
        Menge Trost für alle Eltern
        im  Survival-Modus.  Und
        wer noch mehr über die
        Eigenarten  von  Pubertie-
        ren erfahren möchte, kann
        dies bei seinem Auftritt im
        STADEUM am 08.05.2025
        tun – Humor, Wissenswer-
        tes und Aufmunterndes
        garantiert.               Fotos: © Matthias Jung




        SPO: Subjekt,                                                                     Bringen Sie eigene Erfahrung



                                                                                          aus  Ihrer  Jugend  mit  in  Ihre
        Prädikat, Objekt –                                                                Arbeit?
                                                                                          Oh ja, meine Mutter und ich hat-
                                                                                          ten oft heftige Diskussionen.
                                                                                          Wir sind sehr unterschiedlich,
                                                                                          und das führte natürlich zu Rei-
                                                                                          bungen. Aber genau das ist ja
        die Sprache der pubertierenden Kinder                                             der Punkt: Teenager probieren
        und der (humorvolle) Umgang damit                                                 sich dort aus, wo sie sich sicher
                                                                                          fühlen – bei den Eltern. Ich sage
                                                                                          Eltern oft, dass das ein Kompli-
        Herr  Jung,  was  hat  Sie  dazu   schwinden darin und tauchen   wie ein Rendezvous mit sich   ment  ist,  auch  wenn  es  sich
        inspiriert, sich so intensiv mit   später als nette Erwachsene   selbst  –  kein  Speed-Dating,   nicht so anfühlt. Früher lief vie-
        der  Pubertät  zu  beschäftigen   wieder auf. Eltern vergessen   sondern  ein  Prozess.  Teen-  les noch anders. Auch meine
        und sogar ein Buch darüber zu   das oft, aber ich beruhige sie   ager  ziehen  sich  zurück,  um   Mutter war damals sehr eigen.
        schreiben?                 immer  mit  dem  Satz:  „Keine   herauszufinden, wer sie sind   Sie hatte klare Vorstellungen,
        Ich  fand  die  Pubertät  schon   Angst, sie kommen wieder!“ Es   und wie sie in die Welt passen.   wie Dinge zu sein haben, und
        immer faszinierend, denn die   ist eine Zeit der Selbstfindung   Dieser Rückzug ist ihre erste   das prägte meine Jugend. Zum
        Phase  „Man  ist  nicht  mehr   und  des  Ausprobierens.  Das   Aufgabe. Eltern erleben das oft   Beispiel gab es bei uns nur vier
        Kind,  aber  auch  noch  nicht   fasziniert mich bis heute.  als schwierig, weil sie den Ein-  Sorten Eis – Erdbeer, Vanille,
        erwachsen“  hat  auch  etwas                           druck haben, ausgeschlossen   Zitrone und Schokolade. Alles
        mit  der  eigenen  Pubertät,  in   Warum  ist  diese  Phase  Ihrer   zu  werden.  Aber  genau  das   andere war „Quatsch“. Als ich
        der wir alle waren, zu tun. Ich   Meinung nach so wichtig?   ist ein Zeichen dafür, dass die   das erste Mal Stracciatella pro-
        nenne diese Phase gerne den   Pubertät ist die Zeit des Ab-  Kinder auf dem richtigen Weg   biert  habe,  war  das  wie  eine
        „Pubertätsnebel“:  Kinder  ver-  nabelns.  Ich  sage  oft,  es  ist   sind.       Offenbarung! Diese Anekdoten


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